[tb] Vor wenigen Tagen war es soweit. Am 19. September 2019 beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die neue Heilmittel-Richtlinie. Ab 01. Oktober 2020 wird sie in Deutschland gelten, laut Physio-Deutschland deutlich später als gewollt, jedoch mit vielen positiven Veränderungen.

Die nachfolgenden Anpassungen sollen zukünftig für weniger Bürokratie in den Heilmittelpraxen sorgen:

  • Abschaffung der verschiedenen Verordnungsarten: Ob eine Verordnung innerhalb oder außerhalb des Regelfalls ausgestellt werden muss, spielt zukünftig keine Rolle mehr. Alle bisherigen Verordnungsarten (Erst-, Folge und Verordnung außerhalb des Regelfalls) werden ersatzlos gestrichen. Besteht über die sogenannte orientierende Behandlungsmenge (alt Höchstverordnungsmenge im Regelfall) hinaus weiterer Behandlungsbedarf, kann der Arzt einfach weiter verordnen, ohne dass er eine besondere Verordnungsart wählen, oder irgendwo ein Kreuz machen muss.
  • Neuer Verordnungsfall sechs Monate nach dem Tag der Ausstellung der letzten Verordnung: Neue Regelfälle, bei denen sämtliche Verordnungsarten durchlaufen werden müssen, gehören der Vergangenheit an. Nach der neuen Richtlinie kann der Arzt zukünftig fortlaufend – abhängig von der Diagnosegruppe – jeweils 6er bzw. 10er-Verordnungen ausstellen. Bei Patienten mit Diagnosen im Sinne des langfristigen Heilmittelbedarfs oder dem besonderen Verordnungsbedarf kann der Arzt maximal so viele Behandlungseinheiten verordnen, wie innerhalb von 12 Wochen abgegeben werden könnten (z.B. 12 Behandlungen, 1 x wöchentlich oder 24 Behandlungen 1 – 2 x wöchentlich).
  • Neu: Liegen zwischen dem letzten Verordnungsdatum und dem neuen Verordnungsdatum mehr als 6 Monate, wird ein neuer Behandlungsfall ausgelöst. Dadurch besteht die Möglichkeit für den Arzt, erneut 12 Behandlungseinheiten Massage und standardisierte Heilmittelkombinationen (D1) zu verordnen.
  • Verschlankter Heilmittelkatalog: Die bisher insgesamt 22 Diagnosegruppen werden zu 13 Diagnosegruppen zusammengefasst. Dabei wird nicht mehr zwischen kurz-, mittel- und langfristigem Bedarf unterschieden. Der Wechsel von einer zur anderen Diagnosegruppe, zum Beispiel von WS1 zu WS2 entfällt damit. Außerdem werden alle in der jeweiligen Diagnosegruppe verordnungsfähigen vorrangigen, optionalen und ergänzenden Heilmittel zusammengefasst.
  • Individuelle Leitsymptomatik: Ärzte können künftig individuelle Leitsymptomatiken auf der Verordnung angeben.
  • Bis zu drei vorrangige Heilmittel verordnungsfähig: Verschiedene passive und aktive Maßnahmen auf einer Verordnung? In Zukunft kein Problem mehr. Bis zu drei unterschiedliche vorrangige Heilmittel darf der Arzt zukünftig gemeinsam verordnen, das heißt er kann die Anzahl der Verordnungseinheiten auf unterschiedliche vorrangige Heilmittel aufteilen. Im Rahmen einer Behandlungsserie von insgesamt 10 Behandlungseinheiten zum Beispiel 3 x KG, 4 x MT und 3 x KG-Gerät.
  • Neuer Arzt, neuer Verordnungsfall: Jeder Arzt muss zukünftig nur den eigenen Verordnungsfall im Blick behalten. Parallel ausgestellte Verordnungen anderer Ärzte lösen jeweils neue Verordnungsfälle aus und werden nicht zusammengerechnet.
  • Flexiblere Behandlungsfrequenz: Terminplanung mit dem Patienten wird endlich einfacher. Denn statt nur starrer Behandlungsfrequenzen kann der Arzt nun auch Frequenzspannen über sein Praxisverwaltungsprogramm verordnen.
  • Von 14 auf 28 Tage: Auch der Beginn der Behandlung wird zeitlich entzerrt. Statt bislang 14 Tage, haben Physiotherapeuten künftig grundsätzlich 28 Tage Zeit, um mit der Behandlung zu beginnen, es sei denn, der Arzt vermerkt auf der Verordnung, dass ein „dringlicher“ Behandlungsbedarf vorliegt. In diesen Fällen muss die Behandlung spätestens innerhalb 14 Tagen aufgenommen werden. Auch die Unterbrechungstatbestände wie Urlaub oder Krankheit werden künftig rechtssicher geregelt.
  • Doppelbehandlungen: Die Möglichkeit der Verordnung von Doppelbehandlungen wird erstmals explizit erwähnt.
  • Wechsel Einzeltherapie zu Gruppentherapie: Der Therapeut kann den Patienten in Zukunft eigenständig von der Einzeltherapie in die Gruppentherapie umplanen.

Quelle: https://www.physio-deutschland.de/fachkreise/news-bundesweit/einzelansicht/artikel/start-frei-fuer-die-neue-heilmittel-richtlinie.html